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Gestern war ich noch jemand

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Vor wenigen Tagen war ich auf dem BegrĂ€bnis eines sehr erfolgreichen Kunden. Nennen wir ihn Jakob Zauner. Sein 76. Geburtstag lag erst einige Monate zurĂŒck. Er litt an Krebs. Seit 10 Jahren war er offiziell in Pension. Das Unternehmen hatte er an seine Tochter und an seinen Sohn ĂŒbergeben. Die beiden fĂŒhrten das Haus in gutem Einvernehmen weiter zum Erfolg. Das freute ihn natĂŒrlich. Trotzdem fĂŒhlte er sich amputiert, wie er mir öfter bei Veranstaltungen erzĂ€hlte.

Ich bin der Chef

Der Ruhestand fĂŒllte ihn nicht aus. Seither war er intensiv ehrenamtlich tĂ€tig. Er spielte Zugposaune in einem Blasorchester. Dort musizieren die meisten BlĂ€ser nebenberuflich, einige waren Musiklehrer, einige spielten zusĂ€tzlich in anderen Formationen. Das Niveau war ausgesprochen hoch. Jeder gab sein Bestes. Die Konzerte waren immer ausverkauft und genossen einen hervorragenden Ruf. Doch irgendwie wirkte er unzufrieden. Er griff immer hĂ€ufiger zum Glas.

Wenn Identifikation zum Problem wird

Mir fiel auf, dass er auf die Frage, was er denn so mache, immer mit einer Position antwortete. Ich bin zwar nicht mehr der Firmenchef, rutsche es ihm hin und wieder heraus, aber ich bin Posaunist. Ich bin auch Leiter des örtlichen Amateurfilmer-Verbandes. DemnÀchst verreisen wir nach Island. Dort drehen wir einen aufsehenerregenden Naturfilm.

Doch eines Tages erhielt er die Diagnose Lungenkrebs. „Die Kinder fĂŒhren die Firma prima. Aber es ist schon hart, nicht mehr der Verantwortliche zu sein. Ich will ihnen auch nicht zu oft meinen Rat aufdrĂ€ngen, sonst gehe ich ihnen womöglich noch auf die Nerven. Also schluck ich halt meine guten Ideen hinunter.“ Sein Seufzen war nicht zu ĂŒberhören. Seine Frau war pensionierte Lehrerin. Sie hatte ihn wĂ€hrend all der Ehejahre nur sehr unregelmĂ€ĂŸig zu sehen bekommen. Er hatte sich auch politisch engagiert. Sie war mit den beiden Kindern viel allein zu Hause. Sie besuchte mit den Kindern kulturelle Veranstaltungen, sie unternahmen AusflĂŒge und trafen sich mit Freunden. Oft fuhren sie auch ohne ihn auf Urlaub. Seit seiner Pensionierung hatte er sein Verhalten kein bisschen verĂ€ndert. Zum GlĂŒck war sie es gewohnt, ein selbststĂ€ndiges Leben zu fĂŒhren. Sie hatte eine umfangreiche Bibliothek, besuchte weiterhin viele kulturelle Veranstaltungen. AusflĂŒge und Urlaube mit Freundinnen und allein war sie schließlich gewohnt. Zu den Kindern hatte sie ein sehr herzliches VerhĂ€ltnis.  

Das Spielen der Posaune fiel Jakob Zauner zunehmend schwerer. Das machte ihm psychisch sehr zu schaffen. Als er schließlich aufhören musste zu spielen, brach eine Welt fĂŒr ihn zusammen. Obwohl er sich gezwungenermaßen mehr Ruhe gönnte, verschlechterte sich die Krankheit. Die Atemnot wurde immer anstrengender. Trotzdem verbrachte er noch viele Abende in Diskussionsrunden und bei Stammtischen. Dort fĂŒhlte er sich wichtig. Er wurde gesehen, gehört und mit Applaus geehrt.

Wer bin ich und wie lange

Als dann klar war, dass er auch die Islandreise nicht antreten kann, verfiel er schnell und deutlich sichtbar. Wie sehr hatte er sich darauf gefreut. Wie gerne wollte er danach ĂŒber diese Reise in vielen VortrĂ€gen berichten. Es war ihm sehr wichtig, die FĂ€den in der Hand zu haben. Er hatte bereits den gesamten Ablauf der Reise bestimmt. Er legte schon fest, welche Sequenzen wann gefilmt werden sollten und in welcher Reihenfolge er darĂŒber vortragen wollte. Der Applaus schien ihm sicher.

Doch es kam nicht mehr dazu. Man konnte ihm fast zuschauen beim Verfallen, meinten einige Verwandte. Sobald er seine EhrenÀmter auch noch verloren hat, fehlte ihm der Sinn seines Lebens.

Seine Tochter und sein Sohn waren ihrer Mutter sehr zugewandt. Sie fĂŒhrten das Unternehmen mit agilen FĂŒhrungsmethoden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fĂŒhlten sich eingebunden in den notwendigen Prozess der Digitalisierung.

Ich bin prÀsent

Sie fĂŒhren mit Freude und Begeisterung, identifizieren sich aber nicht mit ihrer Rolle als Firmenchefs. Selbst auf die Frage „Wer bist du?“ antworteten sie nie mit ihrer Position. Immer hĂ€ufiger sagen sie „Ich bin prĂ€sent.“ Und das waren sie auch. Sie widmeten sich ganz den Menschen, denen sie gerade gegenĂŒberstanden. Sie unterscheiden sehr bewusst zwischen der Aussage „Ich bin“ und „Ich arbeite“ oder „ich plane gerade
“

Auf Nachfrage erzĂ€hlen sie, warum ihre Arbeit sie so sehr erfĂŒllt.

Das haben sie von ihrer Mutter gelernt, verrieten sie mir. Sie hat nie gesagt „Ich bin Mutter“, sondern „Ich freue mich ĂŒber meine beiden Kinder“. Wenn jemand nachfragte, ob die beiden ihr auch Ärger bereiteten, meinte sie schelmisch: „Klar tun sie das immer wieder. Aber das gehört doch dazu. Das ist ganz normal.“ Sie meinte auch nie „Ich bin Lehrerin,“ sondern „Ich unterrichte Jugendliche in den FĂ€chern Englisch und Geschichte“. Sie war sowohl als Mutter wie auch als Lehrerin engagiert, identifizierte sich aber nicht mit diesen beiden Aufgaben. Sich identifizieren wĂŒrde bedeuten, sich voll und ganz fĂŒr jedes Handeln der eigenen Kinder und der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler verantwortlich zu fĂŒhlen. Das wĂ€re erstens prinzipiell unmöglich und außerdem ein unsagbarer Stress. Ein solches Verhalten wĂŒrde sowohl ihr als auch den anderen Beteiligten die Luft zum Atmen nehmen. Menschen brauchen Inspiration und Freiraum war ihr klar.

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Wie antwortest du auf die Frage: „Wer bist du?“

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